Gastbeitrag von Beate Willer

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„WIR LÄCHELN UNS DIE LIPPEN BLUTIG“.

SO HABE ICH DEN 29. AUGUST IN BERLIN ERLEBT

31. August 2020

 


Eltern mit kleinen Kindern, Pensionäre mit einem Pappschild: „Oma & Opa für Aufklärung“, Händchen haltende Pärchen, Mitt-Vierziger und -Fünfziger… lächelnd, einander zugewandt. Die Querdenken-Demo am 29.8. mit mehreren hunderttausend Menschen hat mich zutiefst berührt. Noch nie bin ich auf einer Groß-Veranstaltung mit so vielen klugen, wildfremden Menschen ins Gespräch gekommen. Noch nie habe ich in der Masse so viel Herzenswärme gespürt. Ein Freund hat es wunderbar auf den Punkt gebracht: „Wir lächeln uns hier die Lippen blutig.“ Die Bilder in den so genannten Qualitätsmedien? Blutige Szenen vorm Reichstag, geschwungene Nazi-Flaggen, Gewalt und Hass.

Warum ich hier das Risiko eingehe, als rechtsradikal und Covidiotin abgestempelt zu werden? Wir gehören alle zu einer Menschheitsfamilie. Als Teil davon vertraue ich in den offenen Diskurs und die Wertschätzung der Menschen untereinander. Ich fühle und erlebe täglich, dass wir unsere Kinder vor wachsender Unverhältnismäßigkeit und Willkür schützen müssen.

Jeder hat seine ganz persönliche Perspektive auf das, was gerade passiert. Ich schildere hier nur meine eigene Sicht, ohne Anspruch auf „die Wahrheit“. Mir geht es nicht um „richtig“ oder „falsch“. Aber ich möchte als ehemalige Journalistin helfen, die Spaltung zu überwinden. Darum habe ich mich entschlossen, zu schildern, wie es mir am Samstag in Berlin erging.

11.30 Uhr, S-Bahnhof Friedrichstraße. Hier haben wir erlebt, wie schnell ein emotionaler Moment kippen und für eine Inszenierung genutzt werden kann. Tausende Menschen warteten geduldig darauf, dass der Demonstrationszug von Querdenken losgeht. Die Polizei erlaubte zwar, dass sich auf der Höhe Unter den Linden immer mehr Teilnehmer einreihten, es wurde enger und enger. Aber der Zug war ab Torstraße abgesperrt, durfte nicht starten. Alle Seitenstraße waren von der Polizei abgeriegelt worden. Von hinten schoben immer mehr Menschen nach. Wir waren eingekesselt. Immer wieder wurden von den Beamten die Mindestabstände angemahnt. Wir taten unser Bestes, die Abstände einzuhalten, waren aber natürlich absolut chancenlos. Schließlich baten uns die Veranstalter darum, uns hinzusetzen, um die Abstände einfacher einzuhalten. Tausende Menschen saßen ruhig und friedlich auf der Friedrichstraße. Keiner pöbelte, niemand beschimpfte die Polizei. Die friedliche Stimmung hielt. Dann löste die Polizei den Zug auf. Der offizielle Grund: Wir hätten die Hygiene-Regeln missachtet…

Schließlich baten uns auch die Querdenken-Ordner freundlich darum, hier aufzulösen und uns selbständig auf den Weg zur Hauptdemo zu machen. Wir wollten gerade los. In dem Moment tauchte wie aus dem Nichts ein Pärchen mit einem Lautsprecher-Bollerwagen auf. Unter der Brücke lief Westernhagens Klassiker „Freiheit“. Und während wir noch verklärt schunkelten, veränderte sich schlagartig die Szenerie. Von allen Seiten umringten uns plötzlich aggressive brüllende Typen mit Nazi-Fahnen. (Interessant: Die Reichskriegsflaggen schienen alle niegelnagelneu gewesen zu sein. Sie hatten alle noch fein säuberliche Faltungen im Stoff. Von diesen brandneuen Modellen sind uns später noch sehr viele aufgefallen.) Pünktlich war auch die Presse zur Stelle und mit ihnen gerademal drei (!!!) Polizei-Beamte, darunter eine Frau. Die TV-Bilder: Ein pöbelnder Nazi-Mob an der Friedrichstraße, der Polizisten in der Unterzahl bedroht. Nachdem die Bilder im Kasten waren, löste sich die Situation so schnell auf wie sie entstanden war. Stunden später sollten wir noch in die Vorbereitungen zum Aufruf des „Sturmes auf den Reichstag“ hineingeraten. Eine ähnliche Szenerie – auch dort konnten wir uns dem Eindruck der Inszenierung nicht erwehren.

So wenig wie den Virus bestreite ich, dass es rechtsradikales Gedankengut in unserer Gesellschaft gibt. Und wie jeder freiheitlich denkende Mensch distanziere auch ich mich davon. Auch der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutzes hatte schon nach der ersten Demo am 1. August in Berlin festgestellt: Für Nazis und Reichsbürger gab es bei der Querdenken-Demo kein Forum. Thomas Haldenwang (CDU) sagte in der SZ am 8.8.20: „Sie prägen das Demonstrationsgeschehen oder die inhaltliche Debatte derzeit nicht. Im Gegenteil, die Verantwortlichen zum Beispiel der Initiative ,Querdenken 21´ fordern die Polizei sogar auf, Extremisten herauszuhalten.“

14 Uhr, Pariser Platz. Da wo einst die Bücher von Andersdenkenden verbrannt wurden, versammelten sich am Wochenende ein paar hundert Anhänger der Antifa. Die Veranstaltung war eine von insgesamt ca. 100 angemeldeten Demos an diesem Tag in Berlin.

In ihren schwarzen Klamotten, mit der schwarzen Mund- und Nasen-Maske wollten sie sich als gesprächsbereite Individuen nicht zu erkennen geben. Ein zugewandter Austausch? Nicht erwünscht. Als uniformierte Masse brüllten sie sich heiser im Glauben an die „richtige“ Sache. Gewalt lag in der Luft, als wir auf unserem Weg zur Siegessäule ihre Demo kreuzten. Polizisten in Vollmontur trennten die Gruppen, die nicht verschiedener hätten sein können. Mir war zunächst gar nicht klar, dass WIR hier die Feinde waren. „Ihr marschiert mit Faschisten“, schrien die Schwarz-Vermummten uns entgegen. Junge, sicher sehr sympathische Leute, angespannt bis zum kleinen Zeh, voller Hass auf alle, die anders denken.

15.30 Uhr, Straße des 17. Juni. Nur ein paar Ecken weiter war die Energie eine vollkommen andere. Hunderttausende Menschen standen, saßen oder lagen entspannt auf ihren Decken, überall auf Berlins geschichtsträchtigster Straße zwischen Brandenburger Tor und Goldelse. Ich kam ins Gespräch mit Ärzten, einer Anwältin, einer Mutter, die Unterschriften gegen die Maskenpflicht an Schulen sammelte…

Dann wurde es still. „Mit der Hand auf dem Herzen senden wir Freiheit und den Wunsch nach Liebe in die Welt.“ So eröffnete der Querdenken-Organisator Michael Ballweg die Veranstaltung. Hunderttausende Menschen im Schweigen. Das saß. Es fühlte sich an, als würden all die Angst-Riegel vor dem Herzen plötzlich bersten. Auch die Gespräche der vereinzelten Nazi-Flaggenträger verstummten, ihre brandneuen Fähnchen flatterten traurig im Wind.

Immer wieder erinnerten uns die Veranstalter daran, unsere Verantwortung wahrzunehmen und Pöbeler aus allen extrem Lagern an die Ordner zu übergeben. Aber in meinem Umfeld traute sich keiner, in diesen unglaublichen Menschenmassen zu stören. Gut geschützt durch jede Menge ehrenamtliche Anwälte, Streitschlichter und Ordner, hörten wir inspirierende Reden, darunter die von Robert F. Kennedy, dem für Kindeswohl engagierten Neffen des US-Präsidenten John F. Kennedy. Außerdem sprach ein junger Familienvater und Grünen-Politiker. Der mutige junge Mann hat seiner Partei den Rücken gekehrt, nachdem ihm klar wurde, dass auch in seiner Fraktion niemand an einem konstruktiven Covid-Faktencheck sowie an einer Kosten-Nutzen-Analyse der Corona-Maßnahmen interessiert ist.

19 Uhr, Brandenburger Tor.

Die Querdenken-Reden an der Goldelse waren noch in vollem Gange, als wir auf dem Heimweg in Richtung Friedrichstraße in die Vorbereitungen für den „Sturm des Reichstages“ hineinliefen. Eine junge Frau mit Rastazöpfen, vollkommen schwarz gekleidet und mit Bundeswehr-Stiefeln an den Füßen brüllte auf einer Bühne in ein Mikro. Die Polizei stand daneben – jeder, auch jeder Beamte, konnte hören, dass sie zum „Sturm auf den Reichstag“ aufrief. „Wir haben fast gewonnen, Trump ist da“, schrie sie. „Kommt alle mit! Wir brauchen Massen!“

Wir entfernten uns kopfschüttelnd ob dieser skurrilen Szene. Aber die Mainstream-Medien bildeten trotz all der öffentlichen Ankündigung genau das ab, was ganz augenscheinlich zu verhindern gewesen wäre. Aber offensichtlich nicht verhindert werden sollte: Wenige Polizisten verteidigen den Reichstag gegen eine aggressive rechtsradikale Meute. Dieses vorhersehbare Eskalation hatte nichts mit der Querdenken-Demo auf der Straße des 17. Juni zu tun, weder geografisch, noch ideologisch…

Inzwischen häufen sich im Netz die Bilder von Gewalt der Polizei nach der Samstags-Demo, darunter eine Demonstrantin, die von drei Beamten krankenhausreif geprügelt wird und vor Schmerzen schreit sowie eine schwangere Frau, die mit ihrem Bauch von Einsatzkräften auf den Boden gedrückt wird. Das macht mich fassungslos. Und doch möchte ich an dieser Stelle betonen, dass ich viele Polizisten gesehen habe, die einen tollen Job gemacht haben. Ein paar von ihnen habe ich am Samstag persönlich mit einer Blume gedankt. Besonders die junge Beamtin gegenüber des Hotels Adlon wird mir noch lange in Erinnerung bleiben: Sie nahm die Blume – und ihre Augen füllten sich mit Tränen.



   


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